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Literatur 1925-62
Sinnfindung
Wort-Bild-Brücke
vita 1962-85
Literatur 1962-85
Familie 1951 Paris, Michel führt mich in die abstrakte Malerei ein, wir sind Existenzialisten, barfuss, ganz in ..........schwarz gekleidet, "Place de la Concorde"(s.u.)
1952 Heirat als Halt bzw. Schutz vor Wahnsinn
1953 schwanger mit Isabel, beginne das Tagebuch und fühle mich wohl und gerettet
1956 Geburt von Ike im Anschluß an die große Picasso-Ausstellung, fange an zu malen
"...DAS GARTENLAUBENGLÜCK. ES schien durchaus realisierbar, wenn man den dazupassenden Partner fand. Es versprach, blutgefüllte Eimer (Hospitantin an der Uniklinik, Gießen) und theoretische Wälzer beiseite zu schieben und an die Stelle von Träumen und Ängsten kleine Nutzobjekte wie Gießkannen usw. zu setzen mit eingleisigen Zeitplänen. Acht Uhr Tassen spülen. Neun Uhr Tomaten gießen. Zehn Uhr Hemden bügeln. Und mit zunehmendem Vergnügen setzte sie sich in Gedanken auf eine Gartenbank, und einen Partner daneben. Tanzstundenfreunde. Studentenfreunde. Künstlerfreunde. Sogar Vettern. Und bekannte Ehemänner. Außer dem rothaarigen Ostpreußen, der so wenig Phantasie besaß wie ein Telefonmast, kam nichts in Frage. Und damit besiegelte sie die nächsten 10 Jahre ihres Lebens..."(Wüstes Stück mit Herz)
"Im Mai 1946 begann an fast allen Hochschulen Deutschlands das erste Nachkriegssemester. Wer sich als entnazifiziert ausweisen konnte und ein Zimmer fand, durfte anfangen. Zum ersten Mal seit der Emanzipation befanden sich die Studentinnen im Vorteil. Sie drückten etwas schadenfroh die überalterten Professoren und kriegsbeschädigten Frühheimkehrer an die Wand. Aber schon im 2. Semester kam starker Zuwachs aus dem Gefangenenlager und um die Zimmer entbrannten wüste Schlachten. Ich wohnte damals bei einer bibelforschenden Schreinersfamilie und bereitete mich auf das Vorphysikum vor. Als ich eines Abends von einer Stuttgarter Theatervorführung heimkam, war die sonst immer offene Haustür des einstöckigen Häuschens verriegelt.Aber das Fenster meines Zimmers war hell. Stellen Sie sich vor, nachts um zwölf! Rücksichtslos läutete ich Sturm. Es wundert mich heute noch, dass der Idiot von Student überhaupt reagierte. Aber er öffnete und erklärte kurz angebunden, dass er seit heute das Zimmer gemietet habe. Meine Sachen stünden im Flur. Ich könnte darüber verfügen. Eine verrückte Situation....Der Bescheid der Polizei, man könne erst bei tätlichem Hausfriedensbruch einschreiten, war niederschmetternd. Kein Zimmer - kein Studium...Ich hielt mich am folgenden Tag im botanischen Garten versteckt. Als der korrupte Hundesohn endlich eine Vorlesung besuchte, rannte ich zu dem 14 m² großen Kampfplatz zurück, stellte die Besitztümer des Rivalen auf den Flur und die eigenen vom Flur ins Zimmer, schloß ab und holte Schlaf nach. Die Niederlage erfolgte auf dem Gang zum Klo. Blutverschmiert und mit zerrissener Bluse wankte ich nachmittags zu der tattrigen Magnifizenz, zog mich aus und legte mich auf seine Bürocouch, um deutlich zu demonstrieren, was geschehen war. "Oh!" Die Verwaltung mußte ein Zimmer organisieren, und nach Ablauf des Semesters bekam der Rivale, den ich täglich auf dem Schwarzen Brett mit Pamphleten attackierte, Studienverbot. Aber es kamen danach noch ähnliche Fälle vor..."(Wüstes Stück mit Herz)
"Ich mache Inventur."(Cola) "Wozu?"(Schiffsoffizier) "Glauben Sie nicht, dass die meisten Passagiere, die auf Ihrem Kasten zu einem anderen Kontinent schaukeln, dieser inneren Aufräumungstätigkeit frönen?"..."Dann lassen Sie sehn, ich habe eine Stunde frei und soll frische Luft schnappen." "Durchs Schlimmste bin ich schon durch, es fehlt noch die Traumwelt im Kindbett. Übrigens ich heiße Cola." "Lustig. Mein Name ist Paolo." "Aber so heiße ich erst seit einer Stunde:" "Haben Sie vielleicht den Charakter eines Chamäleons?"
"Eher eines Anti-Chamäleons, ich werde auf einer grünen Wiese rot und auf einer roten Wiese grün. Interessiert es Sie wirklich, wie fett und aufsässig ich vor siebenunddreißig Jahren war? "Nicht sonderlich. Wollen wir Pingpong spielen?" "Kann ich nicht." "Whisky trinken?" "Darf ich nicht"
"Dann schießen Sie los."
"Schon im Krankenhaus wurde ich 2 Tage nach meiner Geburt in eine entlegene Kammer verfrachtet, weil ich mich nicht nach den Fütterungszeiten richten wollte und bei jedem Hungergefühl wie am Spieß schrie, egal ob Tag oder Nacht. Die aufgebrachten Schwestern behaupteten, ich sei des Teufels Kiste entstiegen. Und meine Mutter, die sich aus ganz anderem Grund gegen mein Vorhandensein auflehnte, drehte sich zur Wand, um nichts zu sehen und zu hören. Sie nahm diesen Ausspruch dankbar an wie eine Entschuldigung dafür, dass das Zweitegeborene wieder nur ein Mädchen war......Für mein späteres Gitterbett stickte meine Mutter einen Wandbehang. D.h. sie blätterte zunächst die diversen Kinderbücher durch, um eine dekorative Vorlage zu finden. Das Resutat war ein Wunder an Unkonsequenz. Trotz Engstirnigkeit in Rassenfragen wählte sie für mich das Bild, auf dem drei zur Strafe mit Tinte geschwärzte Buben einem echten Negerkind folgen."
1. Selbstständigkeit mit selbstgeknüpften Teppichen
1960
1961
1961-62
Selbstmordversuch, kurzzeitiger Herzstillstand, den Ärzten gelingt die Rückholung
Scheidung unter erzwungenem Verzicht auf Kinder und Unterhalt
Versuch einer Selbständigkeit, ich knüpfe selbstentworfene Teppiche
Nach meiner Scheidung lernte ich zuerst Schreibmaschiene, um vielleicht als Sekretärin arbeiten zu können, merkte aber sehr schnell, dass es mir unmöglich war, meinen Kopf für fremdes Denken herzugeben. Meine nächste Idee war, selbstentworfene Teppiche zu knüpfen und zu verkaufen, denn dabei konnten ja meine Gedanken frei schweifen.Die Kombination erwies sich als äußerst fruchtbar, nur der Verkauf klappte nicht. Nach genau einem Jahr war ich so pleite, dass ich die nächste Miete nicht zahlen mehr zahlen konnte. Aber in diesem Jahr, festgebunden an täglich 6 Stunden Knüpfarbeit, gelang, was reine Meditation nie zustande gebracht hätte: eine totale Seeleninventur. Sie fand Niederschlag in meinem großen Gedicht "Im Atem der Schatten der Steine", im Nachwort spreche ich schon, allerdings mit noch falschen Zahlenangaben, vom Sonnenjahr, das viel später Gerüst wird für meine Ausstellung "25.000 Jahre Wissen als Kunst".
1937Fasching Kindheit 1948 in Illbach Studium Place de la Concorde Heirat und Kinder letztes Treffen mit den Kindern Auswanderung
...Ich muss unmögliches begehren und ins Tageslicht zwingen. Da ich selbst zu Welt wurde, will ich auch keinen meiner Träume im Schattenreich zurücklassen. Du Kindchen, bist der Schönste dieser Träume und wenn sich endgültig die Finsternis zu Licht verwandelt hat, werde ich den härtesten Kampf bestanden haben. - Der Träume letzter wirst Du nicht sein: ich muss einmal um die ganze Erdkugel reisen - meine geistige Entfaltung darf niemals abbrechen oder isoliert werden - d.h. aber: Ich will, nun ich auf dem eigenen Tempel ruhe, den Tempel der Welt auffinden und ihn als Kunstschöpfung über den Tod triumphieren lassen.- Göttliches und teuflisches "Ich"! Ich will Dir auch von den Träumen erzählen, die schon zu Licht geworden sind Kraft eines Willens:
Der erste verwirklichte Traum: "Ich steh auf der Place de la Concorde und stimme ein Liebeslied an" Ich sage JA zur Welt in ihrer nacktesten Form. Der zweite Traum: "Zusammen sind wir auch die Sonne" Gott ist alles - die Place de la Concorde, der Turm, die Zukunft, alles Gesetz kommt von ihm. Nur ich wäre das Andere, das Gegenüber, das Erlebende, das Verantwortliche, das Erfüllende, des Gesetzes Melodie. Der dritte verwirklichte Traum: "Begegnung" Das ist der Sinn allen Daseins -- die gegenseitige Erfüllung. Und nun erwarte ich Dich, Kindchen!Jetzt wird mein Nachtweg zu einem Tagweg, mein Wille braucht nicht mehr die Nächte zu zerreißen. Und zum Jahresende sag ich Dir mein Kindchen: Ich werde Dir das verloren gegangene Erbe der Menschheit aufbürden. (Tagebuch 1953)
Haus in Ahrensbök
"Es ist ja so schwer, einen Gedanken auszusprechen. Begraben kann man ihn auch nicht. Wasser zwischen fern und fern. Die Suche, die übers Wasser zieht. Gang auf der Strömung. Ich trage den Anfang in einen neuen Kreis."(Wüstes Stück mit Herz)
"Als sie das Studium beendete und den Widerstand gegen Routineleerlauf in fixierter Position um keinen Preis überwinden konnte, begann das immer schaler schmeckende Jahr handgreiflicher Sozial-Analyse. Die Suche nach einem Fluchtloch aus neuerstrarrter Gesellschaftsstruktur. Das erstandene Diplom verschwand in der Schublade. Nicht nur wegen der permanenten Abweisung, man stelle keine Frauen ein. Die Angst vor der Ausübung eines Berufes war so groß wie die Angst vor der Unterschrift unter einen Ehevertrag. Freiheit. - Das war ein Anruf, der unruhig machte.
Man hatte ihr oft von dem jour fix ihrer Großmutter erzählt, einem offenen Donnerstag, an dem sich die geistige Elite Mannheims bei dieser quicklebendigen Frau mit dem unwahrscheinlichen Gedächtnis versammelte, dass sie es selbst versuchen wollte. Auf die Frage, warum sie sich dabei Orpheline nannte, gab sie gleichbleibend die Antwort: "Orpheus war ein Mann, der durch Singen den Tod bezwang. Das war vor zweitausend Jahren. Aber unsere Männer sind degeneriert, und ihr Gesang bezwingt nicht einmal mehr eine widerspenstige Braut. Jetzt beginnt eine neue Zeit. Die Zeit der Frauen. Ich bin ein weiblicher Orpheus. Aber nicht den Tod will ich durch Singen bezwingen. Ich will das Gegenteil tun. Ich will die nackten Tatsachen feiern, handle es sich um einen Stein oder ein Arschloch. Wer singt mit?" (Wüstes Stück mit Herz)
Orpheline, Schauspiel
Wandteppich
"....aus dem Gitterquadrat, das nachts ein Bett und am Tag einen Stall darstellte, war in Verbindung mit dem gestickten Hintergrund eine Theaterbühne geworden. Daran erinnere ich mich. Alles andere sind Zeugenberichte. Das Ensemble blieb fixiert, es spielten mit: 4 schwarze Buben und ein weißes Mädchen, ich. Ich war Geschichtenerfinder, Regisseur und Heldin in einer Person.
...Und ich machte aus dem weißen Persilungeheuer (Mutter) jenseits der Gitterstäbe meinen Ansager für die Nachmittagsvorstellung. Täglich zwischen zwei und vier stiegen die 4 schwarzen Buben lautlos vom Wandbehang in die für den Mittagssclaf abgedunkelte Bühnenkiste, und ich konnte sie herumkommandieren wie Marionetten. Drei mußten frech und grausam sein, der echte Mohr durfte zärtlich und geheimnisvoll in meine Arme kriechen und Wünsche erfüllen, gerettet werden, singen und zaubern, mich glücklich und traurig machen mit tanzenden Monden, Wassergeistern und sprechenden Vögeln, oder Sternen mit Rädchen und Lenkstange. Und immer wieder Kämpfe mit den drei Bösewichtern, die zeitweise stärker waren, aber nie siegten. Sie unterschieden sich nur in der Methode, nicht grundsätzlich, typisierten etwa Anführer, Mitläufer und Versager." (Wüstes Stück mit Herz)
Eintrag ins Tagebuch:
29.12.1961 was soll mit dem Jahr 1962 geschehen? Ich weiß es nicht, meine ehrgeizigen Pläne sind wie weggeblasen.
11.02.1962 Visum für Amerika beantragt
"Sie hatte die Auswanderung nicht vorbereitet. Als feststand, dass sie die nächste Miete nicht zahlen konnte, faßte sie den Entschluß, ließ sich den Baukostenzuschuss zurückgeben und versetzte die Möbel. Nichts erwartete sie drüben in der sogenannten Neuen Welt, keine Person, kein Zimmer, kein Arbeitsplatz. Nur in der New York Times stand an diesem Abfahrtstag eine winzige Anzeige: Housekeeper - German Woman, Educated, English speaking, early30s, congenial, experienced, seeks immediate, Position in NY or vincinity. References. Y 2630 Times."(Wüstes Stück mit Herz)
03.05.1962 Abfahrt der Bremen von Hamburg
kurz vor der Abfahrt in die USA
Ich möchte das weibliche Wesen gewesen sein, das sich keine Lebenserfahrungen amputieren ließ. Das pflanzliche Früchte, Tierglieder und konkrete Spiegelbilder in sich eindringen ließ, um an der Fremdheit einer Natur, deren Substanz nicht aus Fleisch ist, das Ermüdungsgift eigener Einseitigkeit loszuwerden...
"Unbewegt starrte sie auf die aufgeregte Menge jenseits der Reling und hatte nur eine Hoffnung: Nie mehr in den Erstarrungen ihrer gesellschaftlichen Struktur zu kleben. In der quadratische Erstarrung kubenförmiger Erstarrung wich, kubenförmige Erstarrung nierenförmiger Perfektion wich, nierenförmige Perfektion pilzförmiger Verkalkung usw., Wellengang einer automatischen Gesellschafts-geschichte, die den Raum der Freiheit mit Zellen verbaute, in denen sich gesichert vegetieren und träumen ließ. Ein Drahtverhau für Illusionen."(Wüstes Stück mit Herz)
biographisches